Steven Pinker´s "Aufklärung jetzt"

Glaubenssätze, falsche Daten und eine nukleare Utopie

Herr Steven Pinker hat ein vielbeachtetes Buch geschrieben. Der Titel „Enlightenment now“ beinhaltet bereits vollumfänglich seine innere Mission. Herr Pinker sieht sich als Wissenschaftler, der die Menschen durch eine Neuauflage der Aufklärung aus dem Dunkel ihrer irrationalen Ängste in´s heilbringende Licht der Erkenntnis führen will.

 Im 40-seitigen Umweltkapitel – nur das soll hier besprochen werden - stellt er seine „Schlüsselidee“ vor. Sie besteht darin, „dass Umweltprobleme, genau wie andere Probleme, lösbar sind, wenn man über das dazu erforderliche Wissen verfügt“. 

 Herr Pinker vertritt seine Schlüsselidee mit einiger Vehemenz. Er ist zudem Harvard-Professor und wurde schon einmal unter die hundert wichtigsten Denker der Erde verortet. Das lässt aufhorchen. Er setzt den „Optimismus der Aufklärung“ dem „Untergangsprophetismus der Romantik“ entgegen. Er spart dabei nicht mit zynischen Verunglimpfungen anders Denkender. Der Grünismus wird als destruktive, fortschrittsfeindliche Schwarzseher-Bewegung beschrieben. Auch der Papst bekommt als Aktivist sein Fett weg. Doch dazu fühlt sich Pinker offensichtlich durch sein Wissen legitimiert. Immerhin präsentiert er einen Haufen Daten, um seinen wissenschaftlichen Anspruch zu untermauern. Im Buch finden sich 68 Seiten Fußnoten und 60 Seiten Quellenangaben. Das macht Eindruck. Auch auf die Medien.

Die Botschaft des Herrn Pinker ist an sich sehr schön. Sie strahlt vor Optimismus und viele von uns werden sie erleichtert annehmen. Wir brauchen den Angstmachern nicht mehr zu glauben. Bevor wir uns aber endgültig zurücklehnen, müssen wir noch überprüfen, ob alles tatsächlich so „wahr“ beziehungsweise so „beweisbar“ ist, wie Herr Pinker es behauptet. Für diese Überprüfung bedarf es mehr als der puren Ehrfurcht vor 60 Seiten Quellenangaben.

Das Grundsätzliche zuerst: Pinkers Schlüsselidee ist ein klassischer Glaubenssatz. Die optimistische Grundstimmung ist übrigens vielen Glaubenssätzen zu eigen. Ich mag optimistische Menschen und ich habe nichts gegen gläubige Menschen. Doch Steven Pinker scheint seinen Glaubenssatz eher für eine wissenschaftliche, aufklärerische Hypothese zu halten. 

 

Die einzige Eigenschaft, die eine wissenschaftliche Hypothese aufweisen muss, ist die grundsätzliche Möglichkeit, sie widerlegen zu können. Der Satz „Es gibt einen Gott“ ist beispielsweise keine wissenschaftlich untersuchbare Hypothese, weil er nicht widerlegt werden kann. Man kann daran glauben oder auch nicht. Es macht einfach keinen Sinn, diese Frage wissenschaftlich zu untersuchen.

 

Wenn eine Widerlegung trotz grundsätzlicher Widerlegbarkeit nicht gelingt, so bewährt sich die Hypothese. Das Gesetz der Schwerkraft ist ein gutes Beispiel für eine seit Langem bewährte Hypothese. Wir neigen dazu, bei lange bewährten Hypothesen von „Fakten“ oder gar von der „Wahrheit“ zu sprechen. Steven Pinker stimmt der Forderung nach grundsätzlich möglicher Widerlegbarkeit ganz eindeutig zu (Seite 180 der deutschen Ausgabe Satz 2). Er muss sich wohl auch selbst daran messen lassen.

Seine „Schlüsselidee“ (s.o.) ist angesichts des Wörtchens „wenn“ und angesichts eines undefinierten bzw. unbegrenzten Zeithorizontes grundsätzlich nicht widerlegbar. Jeder etwaige Widerspruch ließe sich entkräften durch den Verweis auf die vielleicht schon morgen verfügbare Problemlösung. Deswegen ist Pinkers Schlüsselidee ist ein reiner Glaubenssatz. Sie ist ein unüberprüfbares Versprechen in die Zukunft. Mit der gleichen Berechtigung könnte Pinker behaupten, Gott höchstpersönlich werde irgendwann alle Probleme lösen. Jeder, der an Herrn Pinkers Schlüsselidee zweifelt, wird von ihm in die Nähe des Fatalismus und der Radikalität gerückt. Diffamierungen Andersgläubiger kennen wir auch aus anderen religiösen Systemen.

 Herr Pinker versucht im Weiteren, seinen Glaubenssatz – die Schlüsselidee - mit Daten zu beweisen. Das ist an sich ein hoffnungsloses und nahezu groteskes Unterfangen. Aber die Daten an sich könnten spannend sein. Welche Themen sind dabei am wichtigsten? Wo steigen wir ein?

 

Folgt man beispielsweise dem Stockholm Resilience Centre8,9, so sind das Artensterben (bzw. der damit verbundene Verlust der globalen genetischen Vielfalt) und die Erderwärmung diejenigen Prozesse, bei denen wir die Grenzen, welche uns die Erde vorgibt, bereits am weitesten überschritten haben. Die Grundidee dahinter: Wenn wir den einzigen Lebensraum, auf den wir uns in unserer heutigen Daseinsform verlassen können, erhalten wollen  – den Lebensraum des Holozän seit dem Ende der letzten Eiszeit vor knapp 12000 Jahren – dann müssen wir diesen beiden Themen unsere höchste Aufmerksamkeit widmen und umsteuern. Unsere gesamte Basis – Landwirtschaft, Technik, Kunst – hat sich in diesem Zeitabschnitt, in dieser Lebenswelt entwickelt.

 

Was hat nun Herr Pinker zum Artenmassensterben und zu der Erderwärmung zu sagen. Teilt er die Sorgen einer großen Wissenschaftsgemeinde oder sieht er auch darin – wenn überhaupt - nur lösbare oder bereits gelöste Probleme? Haben wir seiner Ansicht nach schon das „erforderliche Wissen“? Wir schauen nach. Zusätzlich überprüfen wir seine Aussagen zur „ökologischen Kuznetkurve“ und zur Vorhersage der Entwicklung der Weltbevölkerung.

 

Zunächst zum Artensterben, einem Prozess, der in wissenschaftlichen Kreisen oft als größte Herausforderung der Jetzt-Zeit genannt wird14. Herr Pinker widmet diesem Thema immerhin eine ganze Seite (0,14%) seines Buches. Er zitiert einen Ökologen und hält das Thema dadurch für weitgehend erledigt:

 

„Laut dem Ökologen Stuart Pimm wurde die gesamt Aussterberate um 75% gesenkt“

 

So einfach ist das? Alle Aufregung umsonst? Nach einem kurzen Moment des ungläubigen Erstaunens schauen wir in die zugehörige Fußnote 31. Die zentrale Aussage von Stuart Pimm bezieht er leider nicht aus dessen Forschungsarbeit sondern aus dem Guardian. Wir finden zudem  einen Hinweis auf einen Time-Artikel, der wiederum ein Zitat des WWF und des Global Tiger Forum enthalten soll. Immerhin finden sich auch einige Fachartikel aus dem hochrangigen Wissenschaftsjournal Science.

 

Schauen wir also nach den Science-Artikeln:

 Diese Grafik stammt aus einem davon4. Ein absteigender Trend des Red-List-Index zeigt eine zunehmende Bedrohung der gesamten Tiergruppe.

 

Wir sehen, dass es mit den Amphibien am schnellsten abwärts geht, gefolgt von den Säugetieren und den Vögeln. Die schwarze Linie zeigt die tatsächliche Entwicklung, die rote Linie zeigt die Schätzung, wie es ohne aktiven Artenschutz gegangen wäre. Der graue Bereich zeigt die statistische Unsicherheit.

 

Wir sehen zumindest bei den Vögeln einen eindeutigen Effekt des Artenschutzes. Insgesamt ist dieser aber nicht ausreichend, um den rasanten Negativtrend zu stoppen. Laut Autoren wäre die Verschlechterung ohne Artenschutz in diesen gut untersuchte Tiergruppen insgesamt um ca 18% stärker ausgefallen. 

 Was Herrn Pinker dazu treibt, diese Arbeit als Beleg dafür anzuführen, der Mensch hätte die gesamte Aussterberate um 75% reduziert, bleibt wohl sein Geheimnis.

 

Zwei Details des Berichtes lassen zudem aufhorchen. Die größten Effekte des Artenschutzes wurden beim Kampf gegen eingeschleppte Tierarten erzielt, z.B. wurden Katzen und Ratten auf unbewohnten Inseln ausgerottet. Davon profitierten insbesondere die Vögel. Den kleinsten Effekt hatte der Kampf gegen die Zerstörung von Lebensraum durch den Menschen siehe auch 7,12. Hier zeigt sich die unangenehmste Schlüsselbotschaft der Ökologie: Unser Planet ist groß, aber dennoch in der Fläche begrenzt. Landflächen lassen sich nicht unbegrenzt aufstocken.

 

Die Autoren kommen in Pinkers Quelle4 zu dem Schluss, dass die bisherigen Maßnahmen des Artenschutzes nicht völlig umsonst waren, dass sie aber in keiner Weise ausreichen, um die Aussterberate, die auch laut Stuart Pemm ein 1000-faches der „natürlichen“ Aussterberate beträgt6, auch nur annähernd ausreichend abzusenken. Die Autoren setzen ihre Hoffnung dabei vor allem auf gesetzgeberische Maßnahmen.

 

Ein anderer Science-Artikel, den Herr Pinker als Quelle aufführt7, quantifiziert den bisherigen Erfolg des Artenschutzes nicht. Er ruft vielmehr zum tatkräftigen Optimismus und zur Hoffnung auf. Ohne Hoffnung gibt es schließlich keinen Mut (und keine Fördermittel) und ohne Mut gibt es keinen Erfolg. Der Artikel besagt aber auch, dass es extrem dumm wäre, die dramatischen Verschlechterungen, die vielerorts stattfinden, zugunsten des Optimismus zu ignorieren. Die Autoren beklagen, dass Politiker, die vernünftige Artenschutzmaßnahmen umsetzen wollen, unter Beschuss stehen.

 

Herr Pinker nimmt an diesem Beschuss aktiv teil. Er könnte dem undefinierten „Grünismus“ vielleicht etwas wohlwollender gegenüber stehen, wenn er ihn als Lobbybewegung zur Durchsetzung der Maßnahmen begreift, die in seinen eigenen Quellen empfohlen werden. Immerhin kritisiert er die Lobby der fossilen Brennstoffe bzw. deren „fanatische und verlogene Kampagne“. Statt jedoch den „Grünismus“ ebenfalls in nahezu hasserfüllter Art und Weise zu verunglimpfen könnte  Pinker auch die Interessensverbände erwähnen, die für wirtschaftliche Erträge und Renditen die großflächige Zerstörung von wertvollen Lebensräumen in Kauf nehmen.

 

Ein genauerer Blick auf die Säugetiere ist äußerst aufschlussreich. Eine weiterführende Studie5 zeigte für den Zeitraum 1996 bis 2008, dass 24 Säugetierarten Arten ihren Status verbessern konnten, 171 Säugetierarten sich aber verschlechtert haben. Für 146 Arten der Verlierergruppe waren ebenfalls Schutzmaßnahmen unternommen worden, die sich aber als erfolglos erwiesen oder allenfalls eine noch schlimmere Entwicklung verhindern konnten. Eine einfache Rechnung zeigt: für jede Art, die sich verbessert, verschlechtern sich über 7 andere Arten. Es wäre interessant, wie Herr Pinker seine persönlichen wirtschaftlichen Perspektiven einschätzen würde, wenn er für jeden Dollar, den er gewinnt, 7 Dollar verlieren würde. Ich denke, er wäre etwas verzweifelt und würde entschlossen für eine Verbesserung seiner Aussichten kämpfen. Artenschützern scheint er einen solchen Kampf nicht zuzugestehen und bezeichnet sie als romantisch-destruktive Schwarzseher.

 

Den Tiger, den Tasmanischen Teufel, den Condor, die Seekuh und die Albatrosse führt Herr Pinker frech und falsch als Beispiel für den erfolgreichen Artenschutz an. Laut IUCN (Rote Liste) sind sie dagegen kontinuierlich auf dem absteigenden Ast (Stand 6.10.2018).

 

Doch zuletzt noch die seltsamste der Pinkerschen Aussagen zum Artensterben: Es gäbe (immerhin) “eine Reihe von Ökologen und Paläontologen“, welche die Befürchtung übertrieben fänden, dass die Menschheit ein Massensterben wie im Perm (vor 250 Millionen Jahren) oder in der Kreidezeit (vor 65 Millionen Jahren) verursacht. In der zugehörigen Fußnote 32 berichtet Pinker vom Paläontologen Douglas Erwin und argumentiert, dass ja „Massenaussterben unauffällige, aber weitverbreitete Weichtiere, Gliederfüßer und andere Wirbellose auslöschen, nicht aber die charismatischen Vögel und Säugetiere, die die Aufmerksamkeit von Journalisten erregen.“ Was in aller Welt will Pinker damit sagen? Erwins Buch handelt vom Massensterben am Ende des Perm vor 250 Millionen Jahren. Da gab es weder Säugetiere noch Vögel. Deswegen konnte auch keiner von beiden aussterben. Beim Massensterben vor 65 Millionen Jahren starben immerhin die nicht uncharismatischen Dinosaurier fast vollständig aus. Der kümmerliche Rest der ehemals so stolzen Familie brauchte ein paar Millionen Jahre um zu neuer Vielfalt aufzublühen und heißt heute „Vögel“.

 

Es tut fast weh, wenn das gewichtigste aller Umwelt-Themen mit einer derart ahnungslosen Arroganz unter Verwendung falscher Aussagen abgehandelt und verharmlost wird. Herr Pinker scheint nicht all zu tief in´s Jahrmillionen-Thema Artensterben eingedrungen zu sein, vielleicht, weil ihm schlicht die Grundkenntnisse fehlen. Vielleicht war er einfach froh, irgendetwas gut klingendes im Guardian zu lesen. Diese Gefahr droht jedem Publizisten, der schon weiß, was er sagen will, bevor er überhaupt anfängt, sich mit einem Thema  zu beschäftigen. Wäre Herr Pinker an der Realität genauso interessiert wie an seiner Schlüsselidee, so wären ihm diese peinlichen Fehler vielleicht nicht unterlaufen.

 „ökologische Kuznets-Kurve“

 

Herr Pinker behauptet (S. 164 der deutschen Ausgabe) reiche Länder wären umweltbewusster. Sie könnten sich z.B. mehr saubere Luft leisten. Die Technik würde dafür sorgen, dass Autos, Fabriken und Schadstoffe weniger Schadstoffe ausstoßen. Quellen nennt er hier nicht.

 

Schauen wir uns zunächst den Energieverbrauch der USA an im Zeitraum 1965 bis 2015 an. Der inländische pro-Kopf-Verbrauch von Primärenergie in diesem Zeitraum von anfangs 6,4 Tonnen Öläquivalent auf 7,1 Tonnen Öläquivalent gestiegen1,2. Da die Bevölkerung im selben Zeitraum um das 1,6-fache angestiegen ist, resultiert für das gesamte Land ein Anstieg des Verbrauchs von Primärenergie von 1287 auf 2272 Millionen Tonnen Öläquivalent. Und niemand glaube, die Energieproduktion wäre merklich sauberer geworden. Die CO2-Produktion der USA ist im besprochenen Zeitraum von 3,6 Milliarden Tonnen auf 5,35 Milliarden Tonnen angestiegen1.

 

Doch dieser Anstieg ist längst nicht alles. In Zeiten, in denen das Handelsdefizit der USA in aller Munde ist, sollte jedem klar sein, dass die Produktion von Gütern, die in den USA verbraucht werden, zu großen Teilen nicht mehr in den USA stattfindet. Dementsprechend wird der Energieverbrauch und die CO2-Last dieser Güter in meist ärmere Länder verlagert. Sie müssen aus diesen Ländern zudem über lange Strecken in´s Zielland transportiert werden. Auch das führt zu erheblichen Emissionen und weiteren Problemen. Diese Zahlen sind den obigen noch hinzuzufügen3.

 

Beim Thema Artenschutz zeigt sich das gleiche Bild. Die dramatischten Verluste erleidet derzeit Südostasien13. Dies ist zu großen Teilen der Abholzung der dortigen Regenwälder geschuldet. Die Tiere verlieren schlicht ihren Lebensraum (siehe auch oben). Dies wiederum geschieht vor allem zum Zwecke des Palmöl-Anbaus. Dieses Palmöl wird nicht wirklich für den Eigenbedarf produziert sondern zu einem guten Teil in die EU und die USA exportiert (und in andere Länder wie China und Indien). Vielleicht benötig Herr Pinker ein Exkurs in das Thema Globalisierung und Auslagerung von lästigen und problematischen Prozessen, um globale ökologische Herausforderungen besser zu verstehen. Wer davon redet, dass reiche Länder automatisch gut sind für die globale Umwelt, der ist hoffnungslos verblendet.

 

Nun zum zweiten großen Hauptthema:  Wie will Steven Pinker das Problem der Erderwärmung lösen? Wie kommen wir weg von den fossilen Brennstoffen? Steven Pinker sieht hier den großen Moment einer nuklearen Renaissance. Der Heilbringer ist auf ewig die Kernkraft.

 

„… damit kommen wir einer Perpetuum-mobile-Maschine denkbar nahe, die in der Lage wäre, die Welt jahrtausendelang mit Energie zu versorgen.“

 

Die Frage nach der Energiequelle der Zukunft ist durchaus berechtigt und absolut essentiell. Die Weichen müssen jetzt gestellt werden. Der Sonderbericht des Weltklimarates (10/2018) erhöht den Druck. Wir müssen bis zur Mitte dieses Jahrhundert die CO2 Emissionen von aktuell über 36 Milliarden Tonnen pro Jahr auf Null fahren, um das noch tolerable 1,5°C-Ziel zu erreichen. Auf der internationalen Bühne ist in naher Zukunft eine entsprechende Diskussion zu erwarten. Jedes Land, welches nicht in Schockstarre verfällt, wird mitreden wollen, ob wir auf regenerierbare Energiequellen oder auf die Kernkraft setzen.

 

Steven Pinker singt das Hohelied der Kernenergie. Er singt es recht laut. Seine Erzählungen umfassen unendliche Ressourcen (z.B Uran aus dem Meer), eine unproblematische, kostengünstige und menschenfreundliche Gewinnung der entsprechenden Rohstoffe incl. nuklearer Abrüstung („Waffen zu Pflugscharen“), den Abbau „lähmender behördlicher Hürden“, aber dennoch ein vollständiges und hundertprozentiges  Maß an Sicherheit selbst in den Entwicklungsländern, denen die Kernenergie einen raschen, unkomplizierten und umweltfreundlichen Aufstieg ermöglichen soll. Kernkraftwerke befinden sich dann auf Tsunami-sicheren Lastschiffen vor den Küsten, die Entsorgung der des nuklearen Abfalls wäre kein Problem. Man solle die Kraftwerke am Ende ihres nützlichen Lebens einfach „abschleppen und stilllegen“. So einfach geht das.  Sie könnten im Nebenschluss sogar Wasserstoff erzeugen, den saubersten aller Brennstoffe. Es bedürfe keiner lästigen zwischenstaatlichen Absprache mehr, jeder könnte in Ruhe sein eigenes nukleares Süppchen kochen. Wenn dann in spätestens 30 Jahren die Kernfusion als Energiequelle bereitsteht, sind ohnehin alle Probleme gelöst. Im Nebenschluss wäre der Wasserbedarf der Menschheit durch die dann quasi kostenlose Meerwasser-Entsalzung auf ewig gesichert. Diesen Weg schildert Steven Pinker als alternativlos, da regenerierbare Energien nie und nimmer den endlos wachsenden Energiehunger der Menschheit stillen könnten.

 

Wem das alles zu einfach klingt, schaut nach, auf welche Untersuchungen sich der schier grenzenlose Optimismus des Herrn Pinker stützt. Ist mehr dahinter als nur der unbezwingbare Glaube an die Umsetzbarkeit einer schillernden Idee?

 

Welche Quellen gibt Herr Pinker für seine unermessliche Zuversicht in die unproblematische Entsorgung nuklearer Abfälle an? Tatsächlich gar keine…? Und wer sagt, dass Kernfusion in spätestens 30 Jahren nutzbar sein wird? Oh! Immerhin die Bloomerg News und die Time.

 

Ist das die wissenschaftliche Basis, auf der die CO2-getriebene Menschheit in´s große nukleare Abenteuer durchstarten will? Wer trägt die Risiken dieses gigantischen Start-up-Unternehmens? Ist ein tausendjähriges Energiereich tatsächlich realisierbar?

 

Wenn Ihnen irgendein Typ (und sei es ein Harvard-Professor) mit leuchtenden Augen erzählt, sie könnten mit ihm den Atlantik überqueren, auf seinem handgezimmerten Floß, sie müssten nicht mal Trinkwasser mitnehmen, weil ja eine Entsalzungsanlage an Bord sei - alles easy! Würden Sie seinen Optimismus teilen? Würden Sie mitfahren?

 

Als Ergänzung zu „Aufklärung jetzt“ empfehle ich eine Arbeit mit dem eher trockenen Titel „Sektorkopplung – Optionen für die nächste Phase der Energiewende“, ein Gemeinschaftswerk dreier deutscher wissenschaftlicher Dachorganisationen. Hier wird durchgerechnet, wie wir auch im dichtbesiedelten Deutschland die Paris-Ziele ohne Kernkraft (und ohne Verzicht) erreichen können. Es kostet ungefähr so viel wie die Deutsche Einheit. Natürlich brauchen wir mehr Windräder und mehr Stromleitungen. Aber es geht. Man kann damit anfangen. Kernenergie ist nicht alternativlos.

 

Was dieses „biedere“ Konzept allerdings nicht bedient: Allmachtsfantasien à la Page/ /Bezos/Zuckerberg/Musk/Pinker. Auch für Bill Gates, der „Enlightenment now“ als „Lieblingsbuch aller Zeiten“ bezeichnet, scheint es einfacher, die Energiefrage für die nächsten Jahrtausende zu  regeln, als einen Impfstoff gegen HIV zu entwickeln.

 

Wer also von ewiglich unbeschränkter Verfügbarkeit von Energie träumt, den können regenerierbare Energiequellen wohl eher nicht begeistern. Der amerikanische Energie-Traum kann keine Beschränkung ertragen. Doch der Ritt auf dem Uran-Fass ist letztlich ein Blindflug im unberechenbaren Weltenkarusell. 

Letzter Punkt: Steven Pinker versucht am Anfang seines Umweltkapitels, die „Bevölkerungsbombe“ zu entschärfen. Er beschreibt korrekt, wie die rasanten Wachstumsraten der letzten wenigen Jahrhunderte zustande kamen (erniedrigte Sterberate) und kommt bei nun sinkenden Geburtsraten zu dem Schluss:

 

„Dann (ab 2070) wird sich die Bevölkerung laut der Projektion auf einen Wert einpendeln und dann zurückgehen“

 

Er bezieht sich auf die Projektionen des Wittgenstein Centre for Population and Global Human Capital (WIC) und zeigt eine Grafik mit einem Höchststand von ca 9,5 Milliarden Menschen um das Jahr 2070 herum. Bizarres Detail dieser Grafik: Dass die Anzahl der Menschen nach 2070 trotz der eingezeichneten positiver Wachstumswerte bereits rückläufig sein soll – auf den ersten Blick eine mathematische Unmöglichkeit – scheint weder Herrn Pinker noch seine Lektoren gestört zu haben. Doch ein anderer Punkt wiegt schwerer: Ein Wissenschaftler sollte immer den Unsicherheitsbereich seiner Daten angeben. Es gehört sich nicht, mit einer solch rechthaberischen Vehemenz aufzutreten wie Herr Pinker und sich über die wissenschaftliche Unsicherheit auszuschweigen. Zumindest kann man dies nicht als wissenschaftlich bezeichnen. Neben dem WIC veröffentlicht auch die UN Prognosen für die Bevölkerungsentwicklung. Die aktuellen UN-Prognosen haben zudem einen 5-Jahres-Vorsprung auf die WIC-Prognosen. Die UN-Prognose sieht so aus:

 Herr Pinker stellt in seinem Buch eine WIC-Prognose dar, die zwischen den untersten beiden Linien der aktuelleren UN-Prognose verläuft. Mit der gleichen Berechtigung hätte er aus UN-Sicht eine Kurve zeichnen können, die zwischen den obersten beiden Linien verläuft. Die hätte dann ganz anders ausgesehen.

 

Steven Pinker erwähnt zudem die stark rückläufigen Geburtenraten einiger sorgfältig auserwählter Länder. Diese Länder passen in sein Konzept. Er schweigt sich dagegen vornehm über die erschreckend hohe durchschnittliche Geburtenrate von 4,7 Kinder pro Frau in ganz Afrika aus2.

 

Und auch für die hochentwickelten Länder gilt: Eine anhaltend schwindende Einwohnerzahl – wie in der bestmöglichen UN-Projektion - wäre ein absoluter Paradigmenwechel. Es gibt hierfür noch keinen Präzedenzfall. Ob sich die reichen Länder mit rückläufigen Einwohnerzahlen zufrieden geben oder alles versuchen, um größere Familien wieder attraktiver zu machen, wird die Zukunft erweisen. 

 

Herrn Pinker darf man letztlich bezüglich seiner „Entschärfung der Bevölkerungsbombe“ folgendes vorwerfen: Seine zentrale Grafik (Bevölkerung und Wachstum bis 2100) ist in sich nicht stimmig.  Steven Pinker diskutiert zudem nicht ansatzweise die erheblichen Unsicherheiten, die dieses ökologisch so zentrale Thema beinhaltet.

 Welches Resümee ziehen wir aus unserem Faktencheck?

 

Pinkers teils herablassender Tonfall gegenüber Andersdenkenden wird in keiner Weise durch überzeugende Daten legitimiert. Obwohl er selbst einen klassischen Glaubenssatz in´s Zentrum seines Umweltkapitels stellt, wirft er dem „Grünismus“ eine „quasireligiöse Ideologie“ vor.

 

Die Sache ist: wer jedes Problem für lösbar hält, der hat vor nichts mehr Angst. Wenn ich einen Fehler mache? Kein Problem, ich löse einfach das Problem. Wenn bei der Problemlösung neue Probleme entstehen? Werden alle gelöst! Keine Ressource ist zu knapp, weil immer neue und alternative Ressourcen aufgetan werden, bevor die alten verbraucht werden. Nach Holz kam Kohle, nach Kohle kam Erdöl, nach Erdöl kam Gas… Der Satz „Die Steinzeit endete nicht, weil es auf der Erde keine Steine mehr gab“ scheint dies mit einem  Schmunzeln zu belegen.

 

Lieber Herr Pinker: Diese Art von Optimismus, dieser unerschütterliche Glaube in die Technik, sie haben uns in vielerlei Hinsicht weit gebracht. Das ist wahr. Aber wir haben Schulden gemacht auf unserem Weg. Die Angst, wir könnten den Bogen überspannen, wird größer und größer.  Sie wird hinsichtlich der größten Bedrohungen durch immer mehr Daten gestützt. Sie versuchen, diese Daten zu verdrehen oder zu ignorieren oder sich in eine nukleare Utopie zu retten. Das bedeutsamste aller Themen, das Artensterben, haben Sie in keiner Weise erkennbar durchdrungen.

 

Sie akzeptieren keinerlei Grenzen. Sie halten Mäßigung und Bescheidenheit für Feinde des Fortschritts. Doch die ultimative Ressource ist – abseits aller Rohstoffe und Energiequellen - die Landfläche der Erde. Nach Ihrer Logik (siehe Seite 169) haben wir längst den Mars besiedelt, bevor die Fläche der Erde aufgebraucht ist und wir werden schon lange vor der Erschöpfung des Mars in andere Galaxien aufgebrochen sein. Vielleicht haben Sie schon mit Elon Musk darüber gesprochen. Persönlich will  ich eher nicht auf den Mars. Die zentrale Botschaft meiner Entgegnung ist:  Es könnte tatsächlich auch eine Mindestmenge an Bescheidenheit und Mäßigung erforderlich sein, um die Erde so zu erhalten, wie wir sie kennen, mögen und brauchen.

 

Lieber Leser: Herr Pinker darf als erfolgreicher Provokateur gelten, durchaus auch als gläubiger Mensch, vielleicht sogar als Führer einer religiösen Bewegung. Welches Motiv ihn treibt, bleibt uns verborgen. Sollte es Optimismus sein, so entspringt er wohl am ehesten Pinkers unerschütterlichem Glauben.  Daten sind für ihn sekundär und müssen sich seinem Glauben fügen.

 

Von daher ist Steven Pinker sicherlich kein ernstzunehmender, ergebnisoffener Wissenschaftler im Sinne der Aufklärung. Hier klaffen Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander.

 

  1. www.bp.com/statisticalreview
  2. United Nations, Department of Economic and Social Affairs, Population Division 2017. World Population Prospects: The 2017 Revision
  3. Wiemann T: Environmental and social footprints of international trade. Nature Geoscience 2018; 11; S314
  4. The impact of conservation on the status of he world´s vertebrates. Science 2010; 330; S1503
  5. Hoffmann M: The changing fates oft he world´s mammals. Phil. Trans. R. Soc. B 2011 366, S2598
  6. Pimm S: How to protect half of Earth to ensure it protects sufficient biodiversity. Sci Adv 2018; 4: eaat2616
  7. Johnson C: Biodiversity losses and conservation responses in the Anthropocene. Science 2017; 356, S270
  8. Rockström J: A safe operating space for humanity. Nature 2009; 461; S472
  9. Steffen W: Planetary boundaries: Guiding human development development on a changing planet". Science 2015; 347; S736
  10. Rogeli J: "Paris Agreement Proposal Need a Boost to Keep warming well below 2°C". Nature 2016; 534; S631
  11. United Nations, Department of Economic and Social Affairs, Population Division (2017). World Population Prospects: The 2017 Revision, Methodology of the United Nations Population Estimates and Projections, Working Paper No. ESA/P/WP.250
  12. T Newbold: Global effects of land use on local terrestrial biodiversity. Nature 2015; 520; S45
  13. D Tilman: Future threats to biodiversity and pathways to their prevention. Nature 2017; 546; S73
  14. Barnosky AD: "Has the Earth´s sixth mass extinction already arrived?". Nature 2011; 471; S51