Götter aller Länder, vereinigt Euch!

Götter gibt´s schon ziemlich lange. Keiner weiß, wie lange genau. Aber immer schon waren die Götter mächtige und meist gefürchtete Wesen. Man wollte sie auf keinen Fall verärgern. Oft waren sie eitel. Man musste ihnen huldigen und viele Lämmer oder Stiere opfern. Dann waren sie besänftigt und zufrieden. Mehr wollten sie erst mal gar nicht, die Götter.

Wenn man seinem Nachbarn den Schädel einschlug, war´s den frühen Göttern egal. Sie kümmerten sich nicht drum. Niemand wäre damals auf die Idee gekommen, wegen so etwas einen Gott einzuschalten. Niemand hätte damit gerechnet, dass sich ein Gott für so was überhaupt interessiert. Die Regulierung zwischenmenschlicher Fehltritte war Sache der Menschen. 

In einem kleinen Dorf war das kein Problem. Jeder kannte jeden. Man konnte es untereinander ausmachen. Man kannte auch die Leute aus dem Nachbardorf. Es war irgendwie überschaubar. Einen Gott brauchte man eher für andere Sachen. Für wirklich komplizierte und bedrohliche Sachen. Für Sachen, die man nicht durchschaute und auch nicht im Griff hatte:  Unwetter, schlechte Ernten, ausbleibender Nachwuchs... 

Doch aus überschaubaren Dörfern wurden Städte. Die Städte wurden immer größer. Sie wollten ernährt und versorgt sein. Das Handwerk erblühte, es wurde gehandelt. Die Menschen wurden mobil. Netzwerke hielten das zusammen, was man später "Hochkultur" nennen sollte.

Das soziale Gefüge wurde immer komplizierter und unkontrollierbarer. Die Götter bekamen daher zusätzliche, grundlegend neue Aufgaben. Sie mischten sich erstmals aktiv in´s menschliche Miteinander ein. Sie erließen Regeln für zwischenmenschliches Verhalten. Das war revolutionär. Was sollte man davon halten? Göttliche Regeln hatten jedenfalls Gewicht. Sie zu befolgen versprach Gewinn. Sie zu brechen war riskant...

Der Erfolg gab den Göttern recht. Mit der Hilfe der moralischen Regeln großer Götter funktionierten komplexe Gesellschaften einfach besser. Sie konnten sich erhalten und letztlich sogar noch komplizierter werden. 


Doch zurück zum Hier und Jetzt. Die moderne Welt ist durch und durch vernetzt und globalisiert. Sie ist zu einer einzigen globalen Gesellschaft verschmolzen. Wir sind in einer Schicksalsgemeinschaft vereint. Wir alle sind Teil einer einzigen, erdumspannenden Hochkultur. 

Unsere Hochkultur ist so kompliziert wie nie eine Gesellschaft zuvor. Das hat Folgen. Wir haben wesentliche Entwicklungen nicht mehr unter Kontrolle. Die Erde zerrieselt uns zwischen den Händen.

Bezüglich religiöser Orientierungen herrscht allerdings ein heilloses Durcheinander. Viele große Götter oder übernatürliche Prinzipien werben um unsere Gunst, fast wie auf einem Jahrmarkt. Wir sind uns noch ziemlich uneins, welcher Gott uns letztlich das beste Angebot machen wird...


Aber wenn die göttlichen Regeln einst dazu beitrugen, komplexe Gesellschaften überhaupt erst zu ermöglichen, wie kann dann eine einzige, globale, superkomplexe Gesellschaft ohne einheitliche göttliche Vorgaben funktionieren? Geht das überhaupt...?


Kein Problem, sagen die einen. Es ist doch schön, wenn´s viele Möglichkeiten gibt. Konkurrenz belebt das Geschäft. Willst Du glaubenstechnisch alles vorgeschrieben bekommen? Willst Du noch im Mittelalter leben? Willst Du einem Gottesbeweis unterzogen werden? Als Häretiker gesteinigt werden?

Kein Problem, sagen die anderen. Wir haben jetzt eine ausgefeilte staatliche Gesetzgebung. Wir brauchen keinen einheitlichen Gott mehr. Wir haben Staat und Religion ohnehin voneinander getrennt. Religion ist jetzt Privatsache. Jeder darf glauben, was er will... 

Kein Problem, sagen die anderen. Der Wohlstand, der Fortschritt und die Märkte regeln jetzt alles, wofür früher noch die Götter zuständig waren. Religion ist reine Nostalgie. Ein Überbleibsel. Die Götter gaben uns Starthilfe. Wir sagen Danke und verabschieden uns.... 

Kein Problem, sagen wieder andere. Die Wissenschaft hat den Hintergrund der einst "göttlichen" Regeln längst durchschaut. Heutzutage brauchen wir keine Götter mehr. Wir steuern lieber selbst. Ehrlich gesagt sind die alten Götter mittlerweile eher lästig als hilfreich. Die Menschen sollten lieber vernünftig handeln als sich blindlings auf irgendwelche Götter zu verlassen. 


So weit, so gut. Weise Widerworte, oder? Irgendwie haben sie alle ein bisschen Recht. Aber selbst wenn wir alles wüssten, was es irgendwie zu wissen gibt: 

Welche Autorität kann notwendige und sinnvolle Regeln global durchsetzen, wenn nicht ein globaler Gott? Woher bekommen wir die Stärke, überall das zu tun, was wir nach eigenem Wissen tun müss(t)en, obwohl wir es eigentlich gar nicht tun wollen? Wer gibt uns Disziplin und bewahrt uns vor unserer eigenen Gier? Wer rettet unsere Welt, wenn wir es nicht aus eigenen Kräften schaffen? 


Es wird  Zeit für etwas Neues.

 

Götter aller Nationen, vereinigt Euch!!

werdet eins!

und dann offenbart Euch!

Allen!!

 

...

 

Klingt komisch?

 

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