Ungleichheit

Warum die Rechnung nicht für alle gleich hoch ist

Nach einer Schätzung von Oxfam besitzen die 42 wohlhabensten Menschen der Welt genau so viel Geld wie die ärmer Hälfte der Weltbevölkerung (also ca. 3.600.000.000 Menschen). Das Gesamtvermögen dieser zwei ungleichen Gruppen wurde auf jeweils 1.760.000.000.000 Dollar geschätzt.


Übersicht

Regionale ungleiche Zustände sind aus dem Geschichtsunterricht hinreichend bekannt. Dennoch lässt die obige Schätzung in der heutigen Zeit aufhorchen. Wie kam eine derartige Ungleichheit zustande? Seit wann ist dieser Trend zu beobachten? Wird die Ungleichheit weiter zunehmen? Wie steht es aktuell auf nationaler Ebene, beispielsweise in Deutschland?

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Ungleichheit in praktisch allen wohlhabenden Ländern seit den 1980-er Jahren rapide zunimmt. Oft wird gefragt, ob das "gerecht" sei. Dies liegt bis zu einem gewissen Grad sicherlich im Auge des Betrachters. Dennoch besteht ein weitgehender gesellschaftlicher Konsens, dass Ungleichheit durch eine konstruktive Leistung legitimiert sein sollte. Die derzeitige Zunahme der Ungleichheit scheint jedoch immer weniger auf dem Leistungsprinzip zu beruhen.

Es sind derzeit die Reichen, die auf nationaler Ebene profitieren. Die Gewinne des aktuellen Systems kommen vorwiegend Ihnen zugute. Die unerwünschten ökologischen Begleiterscheinungen des Wirtschaftswachstums, vor allem in den Bereichen Flächenverbrauch, Artensterben und Erderwärmung betreffen jedoch alle. Die folgende Grafik (aus Piketty: Das Kapital im 21. Jahrhundert) veranschaulicht den wesentlichen Trend der Kapital-Akkumulation recht eindrucksvoll:


Ungleichheit Milliardäre

Wie erforscht man Ungleichheit?

Ungleichheit beschäftigte die Menschen schon immer. Detaillierte Beschreibungen der Ungleichheit fanden seit jeher Eingang in unzählige Gesellschaftsromane. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts entwickelten Denker wie Thomas Malthus, David Ricardo, Karl Marx und Adam Smith verschiedene Theorien über die Ursachen und die Folgen von Ungleichheit.

Diese teils sehr unterschiedlichen Theorien beruhten allesamt auf guten Beobachtungen und meist nachvollziehbaren Überlegungen. Es gab jedoch keine guten Daten, um die Theorien zu überprüfen. Die Vorhersagen vieler Theorien wurden zudem oft durch unerwartete Entwicklungen zunichte gemacht.

Der erste Forscher, der belastbare Daten zusammenstellte, war Simon Kuznet. Er untersuchte die Entwicklung der Ungleichheit in den USA von 1913 bis 1948. Während es offensichtlich schien, dass die Ungleichheit im 19. Jahrhundert stark zugenommen hatte, fand Kuznet für die Zeit nach dem ersten Weltkrieg eine kontinuierlich Verringerung der Ungleichheit. Dies war ein erfreuliches Ergebnis. Man konnte dem Schreckgespenst des Kommunismus eine Verringerung der Ungleichheit auch in marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaften entgegenhalten.

Kuznet war sich durchaus bewusst, dass die beiden Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise erheblichen Anteil an der beobachteten Verringerung der Ungleichheit hatten. Aber er ging davon aus (und hoffte es nach eigenem Bekunden inständig), dass die Ungleichheit ab einem gewissen Punkt in jeder wohlhabenden Gesellschaft auch ohne destruktive Ereignisse abnehmen würde. Damit lag er leider daneben.

Trotz seiner offensichtlich falschen Schlussfolgerung stellt die Arbeit von Simon Kuznet einen Wendepunkt in der Geschichte der Ungleichheits-Forschung dar. Er hatte gezeigt, dass dieses Thema abseits ideologischer Lagerkämpfe der wissenschaftlichen Untersuchung zugänglich ist. Ihm war das gelungen, was im Englischen "the proof of the principle" genannt wird.

Seither entwickelt sich die Szene rege weiter. Es wurden andere Länder und längere Zeiträume untersucht. Es wurden neue Methoden entwickelt, um auch die Zeiten vor Einführung der Einkommenssteuer untersuchen zu können. Ab den 1970-er Jahren wurden große Haushaltserhebungen durchgeführt, um eine differenziertere Einschätzung des pro-Kopf-Einkommens zu ermöglichen. Es entstand ein Netzwerk, welches einen immer besseren Überblick über die globale Entwicklung erlaubte.

Thomas Piketty hat der Ungleichheitsforschung in seinem Werk "Das Kapital im 21. Jahrhundert" einen weiteren Schub verpasst. Das viel beachtete Werk, welches umfangreiche internationale Datenreihen  präsentiert, ist einerseits für den interessierten Laien verständlich, andererseits ist die umfangreiche Datenbasis im Netz allseits verfügbar. Die dadurch entstandene Transparenz hat die Forschung auf dem Gebiet der Ungleichheit auf ein neues Niveau gestellt.

Gabriel Zucman, ein Mitarbeiter, dessen "Genauigkeit und beeindruckende Leistungsfähigkeit" Piketty in der Danksagung seines Werkes hervorhebt, gilt mittlerweile als führender Experte in Sachen Steueroasen und hat diesbezüglich ebenfalls laienverständliche Literatur verfasst (siehe auch Buchempfehlungen).


Zunehmende Ungleichheit

Die Tatsachen sind eindeutig. In allen wohlhabenden Nationen der Erde nimmt die Ungleichheit rapide zu, meist seit den 80-er Jahren. Die Ursachen dieses Phänomens werden im Detail noch kontrovers diskutiert, aber ein Zitat von Thomas Piketty bringt den gemeinsamen Nenner verschiedener Denkrichtungen gut zum Ausdruck:

"Wenn die Kapitalrendite dauerhaft höher ist als die Wachstumsrate von Produktion und Einkommen, was bis zum 19. Jahrhundert der Fall war und im 21. Jahrhundert wieder zu Regel zu werden droht, erzeugt der Kapitalismus automatisch inakzeptable und willkürliche Ungleichheiten, die das Leistungsprinzip, auf dem unserer demokratischen Gesellschaften basieren, radikal infragestellen."